Historischer Bericht
 

Ort: Norwegen

Zeit: 1953

Autor:

Anke Doebert


1953: Meine erste Reise nach Norwegen
 

Til minne om Astrid, Knut, Ingeborg og Arve

Von meiner ersten Reise nach Norwegen lässt sich nicht ohne die Vorgeschichte berichten:

Geboren bin ich im September 1944 in Breslau/Schlesien. Kurz nach meiner Geburt flüchtete meine Mutter mit meinen beiden Brüdern und mir vor den heranrückenden russischen Truppen nach Westdeutschland. Mein Vater, Feldwebel bei der deutschen Wehrmacht und eingesetzt in Polen und Russland, galt zu diesem Zeitpunkt bereits als vermisst. Ich lernte ihn nie kennen. Nach einigen Wochen Flucht kamen wir erschöpft in Oberfranken an. Dort wurden wir in Sonnefeld im Coburger Land bei fremden Leuten einquartiert. Unterwegs war ich sehr krank geworden. Nasse und kalte Stoffwindeln, von meiner Mutter nur notdürftig ausgewaschen und dann am Körper angewärmt, führten zu einer schweren Bronchitis, die mich wohl beinahe das Leben gekostet hätte. Zudem konnte meine Mutter mich nicht ausreichend ernähren. Später erzählten die Leute im Ort, niemand habe geglaubt, daß "die junge Frau aus Schlesien" ihren Säugling, also mich, tatsächlich durchbringen würde.

Zu viert standen uns nun ein Schlafzimmer und eine Küche zur Verfügung. Tag für Tag saßen jedoch auch meine Großeltern, wie wir aus Schlesien geflüchtet, mit in unserer Küche. Die Großeltern hatten meine Mutter und uns Kinder in Sonnefeld ausfindig gemacht und wohnten in einem kleinen Zimmer hier im Ort. Nur unter größten Schwierigkeiten gelang es meiner Mutter, für unsere Existenz zu sorgen. Tagsüber arbeitete sie hart in einer Fabrik, nach Feierabend nähte sie. Trotzdem reichte ihr Einkommen kaum für den nötigsten Bedarf. Nach vielen Jahren sagte sie einmal, sie habe oft morgens nicht gewusst, was sie mittags für uns auf den Tisch bringen solle.

Wegen meiner Krankheit im Säuglingsalter und der mangelhaften Kost war ich auch Jahre später noch viel zu schmächtig und blieb ein richtiges Sorgenkind. Deshalb wurde ich eines Tages zusammen mit vielen anderen Flüchtlingskindern aus unserer Region eingehend untersucht. Hintergrund dieser Untersuchung war eine Initiative des damaligen Regierungsvertreters Venezuelas in Norwegen, Dr. Herera-Uslar, die das Elend deutscher Flüchtlingskinder durch einen Aufenthalt in Norwegen zu mildern suchte. Ihm hatte ich also zu verdanken, dass ich zur Erholung nach Norwegen fahren durfte. Das Kriegsende lag noch nicht lange zurück und die Norweger hatten die Besetzung ihres Landes durch Hitlerdeutschland in schlimmster Erinnerung. Dennoch fanden sich norwegische Gastfamilien die bereit waren, deutsche Flüchtlingskinder aufzunehmen und ein wenig "aufzupäppeln".

Ich erinnere mich noch, als sei es gestern gewesen, dass meine Mutter mich dann am 04.05.1953 nach Lichtenfels/Oberfranken zum Zug brachte. Damals war ich acht Jahre alt. Eine deutsche Rot-Kreuz-Schwester nahm einige andere Kinder und mich in Empfang, dann ging die Reise los. Warum meine Mutter bei meiner Abfahrt weinte, habe ich erst viel später verstanden. Drei lange Monate sollte ich nun in Norwegen bleiben und dies war unsere erste Trennung überhaupt! Zuerst fuhren wir bis Würzburg, wo am Bahnhof der eigentliche Kindertransport zusammengestellt wurde. Mitten in der Nacht saßen wir Kinder aufgeregt im Wartesaal, bis wir in den für uns vorgesehenen Zug einsteigen und endlich schlafen konnten. Einige Kinder weinten bereits nach ihren Müttern, doch für mich war alles so unbegreiflich aufregend, dass ich zunächst keinen Abschiedsschmerz verspürte. Besonders gut erinnere ich mich noch an den Hamburger Hauptbahnhof, denn dort bekamen wir eine leckere, dicke Erbsensuppe. Vor allem aber habe ich die Verpflegung durch die dänischen Rot-Kreuz-Schwestern nicht vergessen: Herrlich frisches Weißbrot gab es da, mit Wurst und Käse und garniert mit Ei und Gurke. So etwas hatten wir zu Hause kaum einmal zu essen. Hungrig bissen wir in die Brote hinein - und schüttelten uns. Gesalzene Butter! Brrrr. Es dauerte dann eine Weile, bis wir uns an den fremden Geschmack gewöhnten.

Nach zwei langen und anstrengenden Tagen kamen wir endlich in Oslo an, inzwischen vom Norwegischen Roten Kreuz begleitet. Alle Kinder wurden in ein hohes Gebäude in der Nähe des Bahnhofs geführt und dort eines nach dem anderen aufgerufen und von seinen norwegischen "Pflegeeltern" abgeholt. Schließlich waren nur noch zwei deutsche Kinder übrig: ein Junge und ich. Eine jüngere und eine etwas ältere norwegische Damen warteten ebenfalls noch. Beide waren modisch und schick gekleidet, mit Hut, und sahen sehr nett aus. Ich war gespannt und sehr neugierig, mit welcher der beiden ich gehen würde. Dann endlich wurde ich aufgerufen. Es stellte sich heraus, dass der Junge noch weiter nach Norden fahren musste. Beide Damen waren jedoch gekommen, um mich abzuholen.

Wir wurden einander vorgestellt: "Anke, das sind Tante Astrid und Tante Inger." Sie begrüßten mich liebevoll, nahmen mich in ihre Mitte und gingen Hand in Hand mit mir zum Vorortzug nach Lillestrøm. Im Abteil wurde ich Scheibchen für Scheibchen mit einer so großen Apfelsine gefüttert, wie ich noch nie eine gesehen hatte, nicht einmal zur Weihnachtszeit. Tante Inger sprach ganz gut Deutsch, ihre Schwägerin, Tante Astrid, bei der ich wohnen würde, jedoch nicht. Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir Lillestrøm, mein Zuhause für die nächsten drei Monate. Hier lernte ich auch Onkel Knut kennen, Tante Astrids Mann, und Tron, ihren Sohn. Tron und ich waren ungefähr gleich alt.

Gleich beim ersten "middag", das in Norwegen gegen 17.00 Uhr eingenommen wird, begann mein Sprachunterricht: Ich lernte "takk" (danke) und "vær så god" (bitte) und "pølser" (Würstchen), "gullrøtter" (Karotten) und "poteter" (Kartoffeln). Irgendwann im Laufe der Mahlzeit wurde mir jedoch auf einmal ganz eigenartig zumute. Tränen rollten ohne Unterlass aus meinen Augen. Natürlich wollte ich nicht, dass das jemand merkte. Ich genierte mich fürchterlich und sah angestrengt aus dem Fenster, vor allem, weil Tron natürlich auch mit am Tisch saß. Ich hatte schreckliches Heimweh und ohne die anderen deutschen Kinder fühlte ich mich plötzlich verlassen und sehr unsicher. Aber Tante Astrid war sehr nett und lieb zu mir. Sie brachte mich ins Bett, drückte mich an sich und gab mir einem Kuss. So schlief ich ein.

Zum Glück bekam ich regelmäßig Post von meiner Mama.

Brev fra mor - Brief von Mutter

Sie berichtete mir immer ausführlich von zu Hause. Ich war zwar froh, nicht immer mit den Großeltern und meinen älteren Brüdern, die mich ständig aufzogen und ärgerten, in unserer engen Küche sitzen zu müssen, doch trotzdem hatte ich fürchterliches Heimweh. Besonders Mama vermisste ich sehr und auch sie hielt die Trennung nur aus, weil sie mich gut versorgt wusste.

Immer, wenn mich das Heimweh zu schlimm überkam, durfte ich in der Nachbarschaft, Fru (Frau) Rode, besuchen, eine Dame, die sehr gut Deutsch sprach. Mit ihr unterhielt ich mich dann eine Weile und fühlte mich wieder besser. Wenn auch alle um mich herum sehr lieb zu mir waren, fühlte ich mich doch noch sehr fremd und einsam. Am schlimmsten war für mich, dass ich nichts von dem verstand, was um mich herum gesprochen wurde. Von Fru Rode erfuhr ich eines Tages, daß ich am nächsten Morgen mit Mette, der kleinen Nichte von Tante Astrid, einer Königin zuwinken dürfte, die gerade zum Staatsbesuch in Norwegen war. Der spätere König Olav, damals noch Kronprinz, und Juliana, Königin der Niederlande, sollten nach Lillestrøm kommen. Also wurde ich fein angezogen und bekam ein norwegisches Fähnchen in die Hand gedrückt. Mit Mette stand ich am Straßenrand und rief "Hurra-Hurra", als die königliche Kutsche an uns vorbeirollte. -Eigentlich hatte ich mir ja eine Königin ganz anders vorgestellt: Mit Krone und Zepter! - Aber Juliana trug lediglich einen feschen Hut.

Da ich zwei ältere Brüder hatte, war ich nicht gerade ein besonders sanftmütiges Mädchen. Ich spielte sehr gerne Cowboy und Indianer, so auch mit den norwegischen Kindern in der Nachbarschaft. Mein Indianername war "Tysker". Natürlich kletterte ich auch auf die Birken hinter Tante Astrids Haus. Rauf kam ich alleine - aber leider nicht mehr herunter. Als mir Tron zu Hilfe kommen wollte, schrie ich von oben immer wieder lautstark und heftig die einzigen Sätze, die ich inzwischen auf Norwegisch konnte: "Ta deg på bena, ikke lengeren til Fru Rode". Was soviel heißt wie: "Zieh Dir die Schuhe aus, nicht weiter als bis zu Frau Rode" - (also bis zur nächsten Kreuzung!). Tron rannte aufgeregt zu seiner Mutter und rief: "Jetzt ist Anke total verrückt geworden!" Doch Tante Astrid kam und half mir vom Baum herunterzuklettern. Wie oft mir diese Geschichte und alle meine übrigen Streiche in späteren Jahren erzählt wurden, kann ich gar nicht mehr sagen.

Mein Heimweh dauerte genau bis zum 16. Mai. Ich weiß das deshalb noch so genau, weil es der Vorabend vom Norwegischen Nationalfeiertag war. Tante Astrid war beim Friseur. Als sie nach Hause kam, fand sie mich tränenüberströmt vor Sehnsucht nach meiner Mama. Alle anderen Familienmitglieder, die mich zu trösten versuchten, hatte ich weggestoßen und mich dann in einer Ecke verkrochen. Tante Astrid schmuste erst mal tüchtig mit mir, steckte mich anschließend in die Badewanne und brachte mich zu Bett. Am nächsten Tag wurde ich komplett neu eingekleidet. Auf meinem Kopf saß eine kesse Baskenmütze, in der Hand hielt ich ein Norwegen-Fähnchen. Dann durfte ich am 17. Mai im Lillestrømer "barnetog" (Kinderzug) mit Mette und ihrer Klasse mitmarschieren.

17.Mai - :-))

Die Begeisterung der Menschen um mich herum steckte mich an. Ich ging mitten unter den anderen Kindern und jubelte, als sei ich eines von ihnen. Dieses Erlebnis hat mich so tief beeindruckt, dass war mein Heimweh von nun an vorbei war.

Ich verlebte also drei wundervolle Monate in Lillestrøm. Es war wie im Schlaraffenland. Alles, was wir in Deutschland nicht hatten, schien es hier im Überfluss zu geben. Ich wurde mit dem leckersten Essen verwöhnt, dass ich mir vorstellen konnte. Sogar Krebse konnte ich probieren. Ich lernte auch viele neue Gerichte kennen. Fiskeboller und Rømmegrøt schmeckten mir besonders gut. Bald schon nahm ich zu und sah richtig wohlgenährt aus.

Auch unsere Ausflüge waren toll. Ich habe so viel erlebt, dass ich es kaum aufzählen kann. An eine Bootstour an St. Hans (Mittsommer) erinnere ich mich genau. Ich durfte so lange aufbleiben, wie ich wollte. Das hatte ich noch nie erlebt. Die vielen Feuer, die Fahrt mit dem Boot, überall fröhliche und ausgelassene Menschen, es war einfach unbeschreiblich.

Manchmal sind wir mit der ganzen Familie zum Baden an die Glomma oder zum Øyeren gefahren. Im Wasser wuselten viele Kinder umher, auch die Erwachsenen waren mit Freude dabei. Dazu muss man wissen, dass Tante Astrid noch sechs Geschwister hatte und auch Onkel Knuts Verwandtschaft war groß. Es war also immer viel los, und die Erwachsenen machten alle Späßchen mit. Einmal besuchten wir auch die Hütte von einem von Tante Astrids Verwandten. Da war es so gemütlich, dass ich gar nicht mehr wegwollte.

På hytta - An der Hütte

Innen war alles aus Holz und auf dem Sofa lagen viele bunte Kissen. Ich konnte kaum verstehen, wie man zusätzlich zu einem Haus noch weiteres, nämlich eine hytte, haben konnte. Nur für die Wochenenden und den Urlaub!

Dann machten wir Ferien in Skotterud auf dem Hof von Verwandten von Onkel Knut. Skotterud liegt etwa 80 Kilometer östlich von Lillestrøm. Dort führten wir ein echtes Abenteuerleben! Ich durfte auf einem richtigen Fjordpferd reiten und half mit bei der Heuernte.

Høykjøring - Heuernte

Das Heu wurde auf einen großen Wagen geladen und dann über die låvebru, eine Art Brücke, in die Scheune gebracht. Ich saß ganz oben auf dem Heu, als das Pferd den Wagen in die Scheune zog. Hui, das schwankte vielleicht. Dann bin ich auch mit Onkel Knut und Tron zum Angeln gegangen.

Tre fiskere - Drei Angler

Wir hatten lange schwarze Regenmäntel an und sahen richtig verwegen aus. Als Angelruten benutzten wir einfache lange Stöcke. Aber am besten gefiel mir hier in Skotterud, daß ich endlich eine Hose bekam. Zu Hause musste ich immer in Kleidern und Röcken herumlaufen. Ein bisschen traurig wurde es dann aber, als die alte Großmutter von Skotterud ins Krankenhaus musste.

Bestemor reiser ... - Großmutter fährt ins Krankenhaus

Als sie in einem großen Auto vom Hof gefahren wurde, winkten wir ihr noch lange nach.

Einmal machten wir auch einen Ausflug in den Frognerpark in Oslo. Dort sind viele Werke des Bildhauers Gustav Vigeland zu sehen. Er hat riesengroße Steinmenschen geschaffen, die alle nackt waren, sogar die alten Leute. Zuerst fand ich das ziemlich eigenartig. So ganz habe ich damals nicht begriffen, was das alles zu bedeuten hatte, aber es beeindruckte mich doch, dass man aus vielen Steinmenschen einen Springbrunnen

Ved fontenen - Bei der Fontäne

oder eine hohe Säule zusammenbauen konnte. Am lustigsten fand ich jedoch die Figur, die ein kleines, schreiendes Kind zeigte. Es sah aus, als ob es wirklich vor Wut mit den Füßen stampft.

Mein Geburtstag ist eigentlich der 30.September. Da ich an diesem Tag aber schon wieder zu Hause in Deutschland sein würde, wurde mein Geburtstag kurzerhand zwei Monate vorverlegt, mit allem Drum und Dran, das ein Geburtstag so mit sich bringt. Auch das war in meinem Leben ein absolutes Novum. Am Vorabend feierte ich mit den Erwachsenen und war auch hier die Hauptperson, ich durfte nämlich den Ehrenplatz am Kopfende der Tafel einnehmen. Der Tisch war reich gedeckt und geschmückt mit einem Norwegenfähnchen. Ich trug ein feines neues Kleid, rot mit weißen Punkten und einem kleinen Bolero darüber. Alle waren sie gekommen, um mir zu gratulieren: Tante Astrids Schwester Ingeborg, ihre Brüder Arve, Erling und Oddmund mit ihren Frauen und Bestefar, Tante Astrids Vater. Viele Geschenke habe ich erhalten, darunter auch ein wunderschönes Fotoalbum, in das Tante Astrid die Bilder von meinem Aufenthalt hier eingeklebt hatte. Vorne auf dem Einband ist die Stabkirche von Ringebu hoch oben am Berg über dem Gudbrandsdalslågen abgebildet.
Am schönsten war aber der nächste Tag. Tante Astrid hatte eine leckere Sahnetorte für mich gebacken.

Fødselsdagskaken - Der Geburtstagskuchen

Oben in der Sahne steckten jede Menge Himbeeren. Und ich durfte einladen, wen ich wollte. 10 Kinder kamen und jedes hatte ein kleines Geschenk für mich dabei.

Ist es da ein Wunder, dass ich, als die schöne Zeit vorbei war, gar nicht mehr nach Hause wollte in unsere kleine Wohnung? Dort warteten meine wilden Brüder und die Großeltern, die ständig in unserer engen Küche saßen. Auf Mama freute ich mich natürlich sehr. Mit einer Menge neuer Sachen im Koffer wurde ich schließlich nach Oslo zum Zug gebracht.

Reiseferdig -Reisefertig

Es wurde ein tränenreicher Abschied für uns alle. So einsam ich mich am Anfang auch gefühlt habe, so schwer fiel es mir nun, Norwegen zu verlassen.

Doch bei jedem Familienfest in Lillestrøm wurde von nun an eine blecherne Tabaksdose herumgereicht und alle sammelten Geld für mich. So konnte ich im folgenden Jahr, 1954, wieder nach Norwegen eingeladen werden. Mama brauchte nur den Zug bis zur dänischen Grenze zu bezahlen, damals 50 DM, für den (großen) Rest kam meine norwegische Familie auf. Das wurde ein freudiges Wiedersehen!

Die Sehnsucht nach Norwegen und Lillestrøm blieb auch, als ich älter wurde. Schon als ich 1954 zum zweiten Mal dort war, hatte ich mir geschworen: Von meinem ersten selbstverdienten Geld fahre ich wieder nach Norwegen. So kam ich 1962 zurück nach Lillestrøm und fand wiederum liebevolle Aufnahme. In der Zwischenzeit führten wir einen herzlichen Briefkontakt miteinander. Viele Päckchen erreichten mich in diesem Jahren und einmal kamen mich sogar auch Onkel Knut und Onkel Oddmund in Deutschland besuchen. Meine Norwegischkenntnisse frischte ich immer wieder auf. Dank einiger Sprachkurse und vieler Aufenthalte in Norwegen sind sie mir bis heute erhalten geblieben.

Auch meinen Mann habe ich mit meiner Begeisterung für Norwegen anstecken können. Er fühlt sich hier ebenfalls pudelwohl und freut sich immer auf einen Besuch in Lillestrøm. Meine beiden Töchter bekamen die Liebe zu Norwegen beinahe mit der Muttermilch eingetrichtert - und, wie es aussieht, meine Enkelkinder ebenfalls. Von der großen Familie in Lillestrøm wurden wir stets auf das Herzlichste empfangen und bewirtet. Wenn ich zurückschaue, bin ich froh und dankbar, dass ich all diese Menschen, die mich so freundlich und liebevoll aufgenommen haben, kennen lernen durfte.

Tante Astrid starb vor wenigen Jahren, bald darauf folgte ihr Onkel Knut. Von den zahlreichen Geschwistern meiner Pflegeeltern lebt jetzt nur noch ein Onkel in der Nähe von Moss. Mette, die Nichte von Tante Astrid, ist mir eine sehr liebe Freundin geworden. Immer wenn wir in Norwegen sind, ist Lillestrøm unsere erste Station. Wie haben schon einige schöne Mittsommernächte bei Mette gefeiert. Mehrfach hat sie uns in Deutschland besucht und unsere Silberhochzeit hat sie mit ihrer norwegischen Tracht verschönert.

Die Verbindung mit Norwegen bleibt also weiterhin bestehen. Vor wenigen Wochen sind wir erst von dort zurückgekommen, und ich freue mich schon wieder auf das nächste Mal!

Anke Doebert

Anmerkung von Gitta Doebert  :
Dieser Bericht entstand aus der Erinnerung meiner Mutter an ihre erste Norwegenreise vor 48 Jahren. Meine Großmutter, inzwischen 82 Jahre alt, konnte zwar in einigen Punkten wichtige Hinweise geben, erinnerte sich jedoch verständlicherweise nicht mehr an alle Zusammenhänge.

Die Hintergründe und Begleitumstände der Verschickung der deutschen Flüchtlingskinder Anfang bis Mitte der 1950er Jahre konnte ich dennoch (bislang) teilweise recherchieren. Einige Kopien entsprechender Artikel norwegischer und deutscher Zeitungen habe ich zusammentragen. Wie man mir mitteilte, sind konkrete Informationen (z.B. vom Bayerischen Roten Kreuz) zu den Erholungsaufenthalten von offizieller Seite nicht mehr möglich, da es keine systematische Erfassung der teilnehmenden Kinder und Begleitpersonen gegeben haben soll. Auch lägen keine Erfahrungsberichte Betroffener vor. Sollte sich jemand von den Besucherinnen und Besuchern dieser Seiten durch den obigen Bericht an ähnliche eigene Erlebnisse erinnert fühlen, freue ich mich sehr über eine Kontaktaufnahme. In den nächsten Monaten wird an dieser Stelle zudem voraussichtlich ein Bericht mit Informationen über die Verschickung der Flüchtlingskinder erscheinen.